Street Art – Zeitintensive Werke mit temporärem Charakter

Street Art steht für Geschwindigkeit und Vergänglichkeit – doch umso mehr Arbeit steckt hinter den Graffitis, Kacheln, Stencils und Paste-ups, welche weltweit die Straßen zieren. Street Art-Künstlerin Tuk gibt Einblicke in ihren Arbeitsprozess und verrät, dass dahinter oft viel mehr steckt als man denkt.

von Liza Müller

Drei Räume voller Street Art. Drei Räume voller Geschichten – Geschichten, die politischer, humorvoller, aber auch zum größten Teil persönlicher Natur sind. Unter dem Namen „Stadtgold“ präsentierte der Kulturbunker in Köln Mühlheim eine Bestandsaufnahme der aktuellen Street und Urban Art in Köln. Direkt am Eingang der Stadtgold-Ausstellung hängt in strahlenden Farben eines der Werke von Tuk. „The medium is the message“ steht neben dem Bild auf einem kleinen weißen Schildchen, daneben der Preis. Zu sehen ist eine Tafel im Holzrahmen, auf der ein kleiner Junge zu sehen ist, der den genannten Titel in Türkis auf seinem schwarzen Top trägt. Der Junge selbst ist in schwarz-weiß und grau dargestellt. Die Details seiner Kleidung, wie sein Fahrradhelm, seine Gummihandschuhe und Turnschuhe sind in leuchtenden Farben coloriert – ein Markenzeichnen von Tuk.

„The medium is the message“ von Tuk | Stadtgold-Ausstellung | Foto: Liza Müller

Dieses Motiv ist eines von Tuks insgesamt sechs Werken, die neben einer Vielzahl anderer Werke verschiedener Street Art-Künstler aus Köln ausgestellt werden und einen Einblick in die Street Art-Szene bieten. Das Interessante dabei: Die verschiedenen Motive werden natürlich auf ganz andere Art und Weise in Szene gesetzt als sie auf der Straße vorzufinden sind. Es ähnelt einem Museumsbesuch der besonderen Art. Viele verschiedene Stile, Motive und auch Farben treffen aufeinander und harmonieren dabei selbst als eigenes großes Gesamtwerk. Neben Leinwänden, Kacheln, und großen Gemälden bis hin zu Tafeln oder Holz ist alles dabei.

Tuk wirkt zurückhaltend und offen zugleich, ruhig und ebenso präsent. Sie stellt bereits von vornherein klar, dass Kunst und gerade die Street Art für sie von größerer Bedeutung sind. „Es geht für mich um eine Art der Ausdrucksform, die es einem jeden ermöglicht, ein anderes und individuelles Verständnis von und für Kunst zu erlangen.“ Sie selbst ist vor ca. fünf bis sechs Jahren in die Street Art Szene reingeschlittert und bis jetzt dabeigeblieben. „Ich sage mal, ich habe einfach die richtigen Leute kennengelernt.“ Die Street Art zog sie in ihren Bann, sodass sie sich selbst zunächst erst einmal darin ausprobieren wollte. Von Collagen bis hin zur Schablonentechnik (Stencils), bei der sie nun geblieben ist, war alles dabei. Jetzt gehört diese Art von kreativem Ausleben zu einem regelmäßigen Ausgleich neben ihrem Beruf.

Allzu viele Details zu ihrer Person möchte Tuk jedoch nicht von sich preisgeben, vielmehr soll ihre Kunst für sie sprechen. Für Street Art-Künstler nicht gerade untypisch. Ihr Pseudonym ist das einzige, was zur individuellen Interpretation anregt, denn sie verrät: Tuk ist ihr Spitzname, den ihr Freunde bereits vor ihrer Tätigkeit in der Street Art-Szene gaben.

Sich kreativ auszuleben und durch Kunst auszudrücken, war Tuk bereits als Kind sehr wichtig. So führte sich dies auch durch ihre Schullaufbahn hinfort. Nach einem eher kunsttheoretisch veranlagten Studium ist sie heute wieder selbst kreativ aktiv. Mit Street Art verbindet sie allerdings noch eine andere besondere Motivation:

„Für mich steht die Mitgestaltung des öffentlichen Raums im Vordergrund.“

Sie möchte ihre Umgebung verschönernd mitgestalten, sie mit Leben füllen und dabei ein Stück weit personalisieren. „Wir bekommen in vielerlei Hinsicht sehr viel vorgeschrieben. Weiße oder graue Fassaden zum Beispiel. Mittels meiner Motive möchte ich versuchen, eine gewisse Freiheit zurückzuerobern.“

Eine Oase im Alltag

Tuk bedient sich hauptsächlich der Schablonentechnik und Paste-ups. Sogenannte Stencils (= Schablonen) ermöglichen es ihr, Motive auf verschiedene Materialien zu übertragen, sodass ein Gesamtkunstwerk daraus entstehen kann. Die Paste-ups hingegen können – so wie bei Tuks Werken – zwar ebenso aus der Schablonentechnik heraus entstehen, sind jedoch als mit Kleister aufgezogene „Plakate“ zu verstehen. Rechtlich gesehen bewegt sich die Street Art in einer Grauzone: Auch wenn das Anbringen der Street Art nicht per se genehmigt ist, so ist es – je nach Örtlichkeit – auch nicht illegal. Bei geklebten Postern handelt es sich zumeist um sogenannte Ordnungswidrigkeiten.

Jedes von Tuks Motiven hat einen ganz persönlichen Hintergrund. Denn, was der Rezipient nicht weiß: Die Motive basieren alle auf Tuks privatem Fotografie-Fundus.

„Schmetterlingsmädchen“ von Tuk | Stadtgold-Ausstellung | Foto: Liza Müller

„Die einzelnen Motive sind für mich immer mit einer speziellen Geschichte verbunden. Die meisten Motive sind Reisefotografien, auf denen Menschen zu sehen sind, die mir nahestehen oder die ich unterwegs kennengelernt habe und dann steckt da für mich natürlich mehr hinter.“

Auch die knalligen Farben, die sich in jedem ihrer Werke wiederfinden, sind eine Erinnerung an ihre vielen Reisen nach Südamerika. So macht sie die Straßen Kölns und anderer Städte zu ihrem ganz persönlichen Fotoalbum. „Für mich ist das ganz schön, wenn ich zum Beispiel durch die Stadt laufe. Dann werden meine Erinnerungen an einen bestimmten Urlaub geweckt. Es ist für mich wie eine Art Oase im Alltag – sozusagen mein Ruhepol.“

Politische Botschaften vermittelt Tuk nur selten durch ihre Kunst. Der persönliche Gehalt der Motive lässt sich nicht immer mit bestimmten Botschaften verbinden, obwohl diese hin und wieder im Hinterkopf mitschwingen. „Wenn man politisch arbeiten möchte und sich zu sehr daran versucht, politische Aussagen im Bild zu platzieren, dann wirkt das manchmal als Street Art so platt“, findet Tuk. Sie lässt ihre persönlichen Geschichten lieber für sich stehen.

Das „Making-Of“ eines Kunstwerks

verwendete Fotos: Tuk

Die Ortsspezifik ist ausschlaggebend

Für Tuk ist ein Werk erst dann vervollständigt, wenn sie den richtigen Ort dafür gefunden hat. Der Ort muss das Bild auf gewisse Weise hervorheben – und umgekehrt. Dafür nimmt sie sich, soweit es ihr möglich ist, auch schon mal etwas länger Zeit, indem sie die ausgewählte Umgebung ausgiebig erkundet. Gerade in anderen Ländern kann dies schon mal einen ganzen Tag in Anspruch nehmen, denn das Paste-up bringt sie meist erst nachts – unbemerkt – an.

„Das kann schon ganz schön aufwendig werden. Wenn ich dann vier Stunden durch die Gegend laufe, bis ich einen Platz gefunden habe und dann nochmal warten muss, bis es eben Abend oder Nacht ist, um es dann aufzukleben.“

Grundsätzlich bleibt Tuk ihren Motiven konzeptionell treu. Hin und wieder kann es jedoch dazu kommen, dass sie kleinere Details ihrer Motive noch einmal abändert. Gerade, wenn sie in anderssprachigen Ländern unterwegs ist, verändert sie beispielsweise Sprüche, damit ihre sublimen Botschaften auch verstanden werden können. Ihr Pseudonym ist stets Teil ihrer Motive, auch wenn man mitunter genauer hinschauen muss, da es zumeist als Detail im Gesamtbild erscheint.

Ausstellungswand von Tuk | Foto: Liza Müller

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