Kontakte knüpfen, Klinkenputzen: Eine junge Künstlerin über das mühsame Fußfassen in der Kölner Kunstszene

Wo geht’s denn hier zur Kunstszene? Der Weg in die Kölner Kunstszene ist mühsam – und verlangt von jungen Künstlern viel Networking.

Von Jenifer Löffler

Maike Eilers

Die Künstlerin Maike Eilers

Eine schmale Einfahrt führt in einen langen Hinterhof. Das Grundstück wirkt verlassen, fast schon gespenstisch. Doch am Ende des Hinterhofes steht ein altes Haus mit einer roten Feuerwehrleiter. Hinter einer Metalltür verbirgt sich ein Gang mit weiteren Türen, von denen die letzte in einen unüberschaubaren Raum führt.

Über eine schmale Treppe, eher eine Leiter, die bei jedem Tritt ein Knarzen von sich gibt, gelangen wir zu dem Atelier der jungen Künstlerin Maike Eilers in Köln-Zollstock. An den Wänden hängen einige ihrer Kunstwerke, Bilder in harmonischen Blau- und Grüntönen. Sie strahlen die gleiche Ruhe aus wie die Künstlerin selbst, als sie am Tisch Platz nimmt. Wie ist sie hier gelandet, in diesem Hinterhof in Zollstock, in einem Gemeinschaftsatelier mitten in der Kunststadt Köln – eine junge Frau aus dem Münsterland, die in den Niederlanden studiert hat? Sie beginnt zu erzählen.

 

Der erste Kontakt

2017 kam sie aus ihrer Heimat Raesfeld nach Köln. Ihr erstes Atelier lag in der Südstadt am Chlodwigplatz, bevor sie dieses Atelier fand, in dem wir nun gemeinsam am Tisch sitzen und uns unterhalten. „Der Raum war zu klein und es war schlecht beleuchtet“, erklärt sie, wieso sie sich nach einem neuen Arbeitsplatz umsehen musste. Licht und Platz sind Luxusgüter auf dem Wohnungsmarkt, nicht nur für Künstler – doch die haben es besonders schwer, wenn sie ihre Kunst noch nicht refinanzieren können. Seit Januar 2018 malt sie ihre Bilder in der Ateliergemeinschaft Zollstock am Höninger Weg und teilt sich ihren Arbeitsplatz mit 10 anderen Künstlern.

Sie findet es wichtig, mit Leuten zu tun zu haben, die selbst auch Kunst machen. Deswegen hat sie sich für eine Ateliergemeinschaft entschieden. „Es ist schwer in die Kunstszene reinzukommen“, sagt sie. Kontakte sind der beste Eintritt in die Künstlerkreise und unabkömmlich. „Über Künstler lernt man andere Künstler kennen, kommt dadurch an Ausstellungen und dadurch wiederum an neue Kontakte.“

Die erste Ausstellung

Der große Heizofen im Erdgeschoss des Raums brummt laut, als Maike Eilers mir von ihrer ersten Ausstellung in Köln erzählt. „Ich musste mich mit einer Mappe mit ein paar Bildern, einem Text und einem Lebenslauf bewerben.“ Um die 30 Bewerbungen erreichen jährlich den Verein, der die Ausstellungen im Museum Zündorfer Wehrturm organisiert. Eine Jury wählt aus diesen Bewerbungen die Künstlerinnen und Künstler für das ganze Jahr aus. Maikes Mappe konnte überzeugen. Gemeinsam mit einer anderen Künstlerin stellte sie im Jahr 2018 in dem 20 Meter hohen Turm aus.

„Jede Ausstellung ist für mich etwas Besonderes“, sagt sie. „Da hast du etwas, worauf du hinarbeiten kannst. Natürlich male ich auch für mich selbst, aber ich möchte meine Werke ja auch mal zeigen.“ Eine Ausstellung ist das große Ziel aller Künstler, genau darauf arbeiten sie immer wieder hin, ihr Leben lang. Kein Wunder, dass allein die Aussicht auf eine Ausstellung Stress produziert: Endlich Gelegenheit, sich zu präsentieren, Reaktionen einzufangen, vielleicht etwas zu verkaufen. Dass durch diesen Druck auf einmal gar nichts mehr funktioniert, erlebte auch Maike schon einmal in ihrer Künstlerlaufbahn. Kurz vor ihrem Abschluss an der ArtEZ, der Kunstakademie in Enschede. „Da hatte ich meine größte Malkrise überhaupt. Ich war deprimiert und gelangweilt von meinen eigenen Bildern.“ Am liebsten hätte sie das Studium damals verlängert, doch dann fuhr sie einfach in ihre Heimat und nahm sich eine Auszeit. „Ich bin viel durch den Wald gelaufen und hab ziellos Fotos geschossen.“ Zuhause studierte sie diese Fotos, fertigte Zeichnungen und Farbstudien dazu an – und stieß so auf das Thema ‚Wasser‘ ihrer Abschlussarbeit.

Naturverbunden sei sie schon immer gewesen, sagt Maike. Ihre Kunstwerke beschäftigen sich ausschließlich mit der Natur. „Der Betrachter soll in meine Werke aufgesaugt werden und sich darin verlieren. Er soll ein besseres Bewusstsein für die Natur und seine Umgebung entwickeln, sie mit anderen Augen wahrnehmen.“ Wenn sie am Wochenende nicht in ihrem Atelier ist, verbringt sie viel Zeit draußen, schießt Fotos und fertigt Skizzen an, um ihre Ideen für neue Werke festzuhalten.

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Impressionen aus dem Atelier und Ausstellungen | Fotos: Maike Eilers

Maike Eilers macht kein Geheimnis daraus, dass es für sie unmöglich ist, von der Kunst alleine zu leben. Jahrelang kellnerte sie nebenher oder lieferte Essen aus. Seit September 2019 absolviert sie eine Ausbildung zur Kauffrau im Großhandel. Sie möchte eine solide Arbeit und vor allem eine finanzielle Absicherung für die Zukunft. „Ich habe zuerst überlegt, ob ich etwas Kreatives machen soll.“ Ihre Kreativität steckt sie dann jedoch lieber am Wochenende in die Kunst, anstatt sich schon auf der Arbeit zu verausgaben. „Seit ich die Ausbildung mache nutze ich meine Zeit im Atelier effektiver. Sie ist dann viel wertvoller und ich genieße es noch mehr, hier zu sein.“ Das schmale Zeitfenster spielt neben den Ausstellungen eine große Rolle für ihre Motivation.

Inspiration holt sie sich durch Museumsbesuche, Vernissagen und Ausstellungen. Gleichzeitig sind diese Veranstaltungen essentiell, um in der Kunstszene Fuß zu fassen. „Kontakte sind das A und O“, verdeutlicht Maike Eilers. Man muss im Gespräch bleiben, sich mit anderen Künstlern, mit Galeristen und Ausstellern unterhalten. Häufig führt ein Kontakt zu einem anderen. Die Kunst-Szene ist ein großes Netzwerk, in das sich Newcomer erst mühselig eingliedern müssen. 

Viele leere Versprechungen

Unterstützen sich die Kreativen untereinander? „Nur bedingt“, hat Maike Eilers erfahren. „Wenn ich eine Ausstellung habe, dann kommen da natürlich auch ein paar Leute von meiner Ateliergemeinschaft und dann stelle ich die vor. Genauso Freunde oder ehemalige Kommilitonen.“ Man gibt sich gegenseitig Tipps, doch am Ende ist jeder Künstler für sich und seinen Erfolg selbst verantwortlich. „Es werden viele leere Versprechungen gemacht“, weiß die 29-Jährige aus eigener Erfahrung, „Oft verlaufen Kontakte im Sand. Galeristen oder Kaufinteressenten melden sich nicht mehr – das kann schon frustrierend sein.“ Doch Maike Eilers lässt sich nicht entmutigen. Ihre neueste Idee: „Ich werde ein paar schöne Geschäfte, Restaurants oder Cafés anschreiben, ob die nicht etwas von mir ausstellen wollen.“ Wichtig ist, dass die Bilder nicht bloß im Atelier hängen, sondern gesehen werden.

Wie kann man als angehende/r Künstler/in durchstarten? Maike Eilers gibt hilfreiche Tipps.

 

Networking über Vereine und Verbände

Veranstaltungen wie die ‚Offenen Ateliers‘, bei denen kunstinteressierte Besucher Künstlern über die Schultern schauen können, eignen sich hervorragend, um Networking zu betreiben. Mitmachen kann jedes Atelier in Köln. Auf der Website werden in einer interaktiven Karte alle teilnehmenden Ateliers und Künstler angezeigt. Auch Maike Eilers war in den vergangenen zwei Jahren mit ihrer Ateliergemeinschaft in Zollstock dabei, außerdem nahm sie gemeinsam mit ihrer Ateliergemeinschaft an den Zollstocker Kulturwochenenden teil, die der ZollstocKULTUR e.V. einmal im Jahr organisiert.

Solche Vereine und Verbände für Künstler gibt es in Köln zahlreich. Sie sind ein wichtiger Knotenpunkt in dem großen Netzwerk der Kölner Kunstszene. Vereine helfen an Ausstellungen zu kommen und beim Bewerben dieser, indem man die Mitglieder zu seinen Ausstellungen einlädt. Als Künstler muss man viel networken, kontaktfreudig sein. Für den Erfolg müssen sich Newcomerinnen und Newcomer in der Kunstszene überwinden, Klinken putzen, Akquise machen, smalltalken – doch das ist nicht jedermanns Sache. Das aktive Knüpfen von Kontakten ist scheinbar auch ein Punkt, mit dem sich Maike Eilers schwertut. „Eigentlich sollte ich mehr Kontakte knüpfen“, gibt sie mit einem leisen Lachen zu.

 

Das Künstlersein ist für sie mehr eine Berufung als ein Beruf. „Ich glaube sonst würde man das alles gar nicht auf sich nehmen“, sagt sie. Eines Tages hofft sie, mit ihrer Kunst so viel Geld zu verdienen, dass sie nebenher nur noch in Teilzeit arbeiten gehen muss. „Vielleicht nicht in fünf, aber vielleicht in zehn Jahren.“ Bis dahin wird ihr Netzwerk viele neue Knoten bekommen.

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