Probieren, stolpern, weitermachen: Der künstlerische Prozess

Elisabeth Brockmann / Foto: Alexander Vejnovic / www.das-fotostudio-duesseldorf.de

Hinter Kunst steckt nicht nur oft jahrelange Arbeit, die man am Ende nicht mal unbedingt sieht, sondern auch viel Frust. Die Künstlerin und Gerhard-Richter-Schülerin Elisabeth Brockmann spricht offen über das Stolpern im Kunstschaffen – und ihr Rezept dagegen.

Im Jahr 2014 steht Elisabeth Brockmann unter einem Kirchenturm in Friedberg. Über ihr installieren mehrere Techniker bei schlechtem Wetter einen Teil ihres neuesten Werks: Für das 750. Jubiläum werden in Fenstern und an Fassaden der Stadt Friedberg Leuchtkästen mit den Gesichtern in der Region bekannter Heiligenfiguren angebracht, doch anhaltender Wind und die Kälte machen das Unterfangen für die Arbeiter zu einem lebensgefährlichen Manöver. Elisabeth Brockmann verbringt die Zeit in einer Kneipe, hält die Anspannung kaum noch aus. Ihr erster Gedanke, als sie von den Arbeitern dazu gerufen wird: Der Leuchtkasten wurde falschrum eingebaut.

„Ich bin rausgekommen, habe hochgeguckt und gedacht, die haben es verkehrtherum eingebaut. Nach 40 Jahren Arbeit war ich aber schon so erfahren, dass ich wusste, ich muss jetzt mal für einen Moment woanders hingehen. Ich habe im Gebüsch gesessen, mich beruhigt und dann war es plötzlich richtig herum.“

Zu diesem Zeitpunkt stecken bereits zwei Jahre Planung in dem Projekt. Zwei Jahre, in denen Brockmann nicht immer weiß, was aus der Mühe werden wird. Mit der Friedberger Museumschefin zieht sie anfangs tagelang durch die Straßen der Stadt und fotografiert nahezu alles. Statt der erhofften Inspiration findet Brockmann jedoch vor allem Frust.

Zurück in ihrem Atelier hält sie sich mit der Disziplin an einen wichtigen Bestandteil ihres Kunstschaffens. Trotz des anfänglichen Frusts beklebt die Künstlerin mit den Fotografien die Wände ihres Ateliers, als ihr die erhoffte Inspiration ins Auge fällt: Die Gesichter von Heiligenfiguren, die viele Monate später überall in Friedberg an den Fassaden hängen werden.

Nagelschere, Uhu-Alleskleber und Humphrey Bogart

Im Jahr 1955 wird Elisabeth Brockmann in Unna geboren und wächst in einer Familie auf, die mit Kunst bis dahin nicht viel zu tun hatte. Eigentlich ist die Musik ihre große Leidenschaft, doch dafür fehlt Brockmann das Talent. Stattdessen bewirbt sie sich an der Staatlichen Kunstakademie in Düsseldorf und landet 1974 in der Klasse des deutschen Malers Gerhard Richter. Statt vor Staffeleien zu stehen und Gemälde zu malen, geht Elisabeth Brockmann während ihres Stipendiums in Paris jedoch lieber ins Kino und verbringt dort ganze Nachmittage. Mit Kamera, Nagelschere und Uhu-Alleskleber fertigt sie aus abgedruckten Filmszenen Collagen, in denen sie von Ikonen wie Humphrey Bogart geküsst wird. Das Ende der Malerei und der Beginn von Brockmanns Künstlerkarriere.

Seitdem hat die Künstlerin sich längst einen Namen gemacht. Durch Arbeiten wie die in Friedberg wird Elisabeth Brockmann häufig mit der Lichtkunst sowie der „Kunst am Bau“ in Verbindung gebracht – eine Bezeichnung, die die Künstlerin nicht mag: „Kunst am Bau hat einen ganz schlechten Ruf. Für mich ist das wie Kreisverkehrskunst. Es gibt einen Kreisverkehr, und dann muss da noch irgendwas scheinbar Künstlerisches hin.“ Besser gefällt ihr „Kunst und Architektur“. Beide Elemente greifen ineinander und werden zu etwas Neuem.

Keine Ideen im neuen Atelier

Dass dabei der Kunstschaffungsprozess nicht immer gradlinig verläuft, zeigt sich am Beispiel eines ihrer bekannteren Werke. Zu der Zeit war der Umzug in ein neues, von Licht durchflutetes Atelier gerade mal ein paar Monate her. Traumhafte Bedingungen für eine Künstlerin – doch statt vieler von der Lichtflut getriebenen Projektideen machte Elisabeth Brockmann eine sechsmonatige Leidensphase ohne neue Einfälle durch.

Erlösende Inspiration fand sie in einem viereckigen Glasklotz, in dem sich das Licht brach und den sie immer wieder fotografierte, groß ausdruckte, den Klotz erneut drauflegte und wieder fotografierte. Erst viele Versuche, ein zerbrochener Spiegel und etwas Baby-Öl später war das erste Bild der Reihe fertig.

Der Druck auf Aluminiumplatten jedoch stellte sich als die fast größere Herausforderung dar. „Entweder hatte das Aluminium nach dem Druck Streifen, oder die Farben waren nicht stabil genug, oder die Töne kamen nicht richtig raus“, erinnert sie sich. Erst nach vielen fehlgeschlagenen Versuchen mit mehreren Firmen fand sich eine Druckerei in Wien, welche die Drucke fehlerfrei anfertigen konnte.

Stolpern und Disziplin gehören dazu

Für Elisabeth Brockmann sind solche Probleme jedoch kein Grund zum Aufgeben, stattdessen sieht sie darin einen elementaren Bestandteil des Kunstschaffungsprozesses. „Stolpern ist eigentlich das Allerwichtigste, und das muss man tatsächlich dem Unbewussten überlassen. Das muss man sich trauen. Das ist auch nach 40 Jahren jedes Mal wieder so ein Gefühl wie auf dem Zehn-Meter-Brett.“

Diese Disziplin habe sie während der Zeit mit Gerhard Richter gelernt. Richter habe jeden Tag von 9 bis 18 Uhr abends im Atelier verbracht und oftmals ebenso verzweifelt vor der Staffelei gestanden. Statt sich geschlagen zu geben, sei Richter jedoch hartnäckig geblieben, und irgendwann sei ihm eine Idee gekommen. „Die Vorstellung, ein Künstler habe ständig irgendwelche Eruptionen und schwelge in der Lust der Fantasie, das ist mitnichten so“, meint Brockmann dazu. „Es ist wichtig, jeden Tag an den Arbeitsplatz zu kommen und es auszuhalten, wenn es mal nicht so läuft.“

Von Kugeln und Überraschungen

Elisabeth Brockmann nimmt zwei auf dem Tisch liegenden Kugelhälften in die Hand, lässt sie langsam aneinander vorbei schwingen und demonstriert damit eines ihrer aktuellen Projekte. Viel sagen darf sie darüber noch nicht, doch auch dieses Mal spielt die Lichtkunst eine wichtige Rolle. Wieder stecken viele Monate Arbeit in dem Projekt, während derer Brockmann lange Zeit gar nicht wusste, wohin die Reise gehen sollte. Bis sie auf die Idee mit der Kugel kam. Sie erinnerte sich daran, dass sie ihrem verstorbenen Vater gerne eine Kugel auf das Grab gesetzt hätte. Es blieb jedoch bei dem Wunsch, denn ihr Vater wollte keinen Grabstein haben. „Aber die Idee ist dann eben im Kopf, und auf einmal bricht sie sich Bahnen. Aber warum, keine Ahnung“, erklärt Brockmann und legt die Kugelhälften zurück.

Blick ins Atelier von Elisabeth Brockmann / © Felix Bölter

Neben der Disziplin sind das Unerwartete und die Überraschung Grundprinzipien der Künstlerin, die für sie den Unterschied zwischen Kunst und Illustration ausmachen. Bevor sie ein Projekt anfängt, darf sie keinesfalls bereits wissen, was daraus am Ende werden soll. Stattdessen verlässt Elisabeth Brockmann sich bewusst darauf, dass ihr mit der Zeit eine Idee kommt, die zu einem Ergebnis führt.

Stolpern ist menschlich

In Kombination mit der Disziplin entsteht daraus ein Prozess, der oftmals gerade von seinen Kurven und Umwegen lebt. Für Elisabeth Brockmann ergeben sich daraus Inspirationen, die sie selbst nicht immer auf Anhieb verstehen oder nachvollziehen kann. Jahrzehntelange Erfahrung hat sie jedoch gelehrt, dass sie sich auf sich selbst verlassen kann. Mit der Disziplin und mit der Zeit kommt auch die Inspiration.

Elisabeth Brockmann vergleicht den Kunstprozess mit dem Gärtnern. „Wenn die eine Rosensorte nicht aufgeht, versucht man es mit einer anderen. Ich würde da keinen so großen Unterschied machen. Stolpern ist menschlich.“

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