Zwischen Künstlernot und Künstlerglück

Köln gilt als Kunststadt – und dort als Künstler*in zu überleben, ist eine Kunst. Die freischaffende Künstlerin Heidi Reichert füllt seit mehr als 40 Jahren Kölns Galerien und Ausstellungsräume. Doch allein von der Kunst zu leben, ist für die 66-Jährige undenkbar. 

von Regina Wirtz

Ihre Wohnung ist zugleich Ort der Inspiration und der Arbeit. Die Künstlerin Heidi Reichert wohnt in Kölns Südstadt. Die Wohnung ist warm, lebendig und harmonisch – ausgeschmückt mit Mobiles und Gemälden. Wir setzen uns in die Küche. Links von mir ein großes Gemälde in rot, weiß und hellblau. Auf den zweiten Blick entdecke ich eine tanzende Figur, die sich elegant bewegt. “Für mich passt Kunst und Bewegung einfach zusammen. Ich liebe es, Bewegungen in Kunstwerke umzusetzen“, sagt Reichert, als sie aufsteht, um Tee und selbstgebackene Kekse zu holen. Sie wirkt dynamisch und freudig – hat Lust, über ihr Leben und die Kunst zu sprechen. “Für mich war Kunst schon immer etwas Besonderes. Ich wusste schon als Kind, dass ich Künstlerin sein möchte”. Damals ahnte Reichert noch nicht, wie schwer ein (Über-)leben als als Hauptberufliche Künstlerin sein wird.

Schon in jungen Jahren kunstbegeistert

Die heute 66-jährige arbeitet seit 42 Jahren als bildende Künstlerin in Köln und ist bekannt für ihre Ausstellungen und Tanzperformances. Hauptthema ihrer künstlerischen Arbeit ist die menschliche Figur, die sie stark abstrahiert zu mystischen Gestalten und Fabelwesen. Ihre Figuren prangen auf großen Leinwänden oder hängen, aus Holz gesägt, an der Wand oder in der Luft als Mobiles.  

In jungen Jahren wurde Reichert durch ihre kulturbegeisterten Eltern an Kunst herangeführt. Sie nahmen sie mit in Ausstellungen, Zirkusaufführungen und Museen. “Was viele Kinder vielleicht abschreckend fanden, hat mich fasziniert. Mir Kunstwerke anzuschauen, war nie langweilig, und ich war überwältigt.”  Nach dem Abitur besuchte Reichert die damaligen Werkkunstschule, heute Technische Hochschule Köln und studierte  freie Kunst. Auf Wunsch ihrer Eltern machte sie ihr erstes Staatsexamen für Kunst und Textilgestaltung für den Lehrberuf. “Meine Eltern sagten immer: Künstler sein ist kein Beruf, davon kann man nicht leben.“ 

Die angehende Künstlerin fügte sich den Ratschlägen der Eltern und sah in dem Lehrberuf einen Kompromiss.  Nach dem ersten Staatsexamen beendete sie allerdings ihr Studium. “Ich habe mich nicht als Lehrerin gesehen. Für mich ist die Kunst eine Berufung. Nur von der Kunst zu existieren, ist sehr schwer, aber ich musste es tun und versuchen.” Sie nimmt einen großen Schluck Tee, hält kurz inne und holt Luft. “Natürlich ist es schwer. Ich habe ganz klein angefangen. Damals habe ich erstmal nur gemalt. Das war günstig, und ich konnte meinen Ideen freien Lauf lassen.” 

Berufung ersetzt nicht Beruf

Reichert haben schon immer Tanz und sinnliche Bewegungen inspiriert. “Ich liebe den Tanz. Tänzer haben eine traumhafte Körperspannung, und ihre Bewegungen haben sanfte Formen. Das wollte ich in meinen Zeichnungen festhalten.” Sie ging weiterhin oft in Zirkusaufführungen, ins Ballett und Theater, um dort Motive und Ideen für ihre Zeichnungen zu sammeln. Ihre Werke sind sowohl von Dynamik und Bewegung als auch von Mystik und Spiritualität geprägt: Buddha, Ballett, Fabelwesen und Fußball lauten ihre Themen, die sie in ihren Ausstellungen zeigt.  Auch Menschen zeichnet sie gerne. “All meine Freunde haben für mich Modell gestanden und mich unterstützt.” Über Wasser konnte sie sich mit einem Studentenjob im Zirkus halten. Nach dem 1. Staatsexamen ging es gleich los, sie fand ihr Lebens- und Arbeitsmodell: Jobben für Geld, malen aus Leidenschaft. Sie arbeitete als Grafikerin und brachte sich selbst bei, was sie dazu brauchte.“Für mich war es nur ein Beruf zum Überleben, meine Berufung war und ist jedoch die Kunst“, sagte Reichert. Zurzeit arbeitet sie als Kinderbetreuerin. “Allein von der Kunst kann ich nicht leben. Dafür gibt es hier in Köln zu wenige Möglichkeiten, und wir Künstler werden zu wenig von der Stadt unterstützt.” 

Schwierige Ausgangslage für Künstler

Köln wird oft als Kunstmetropole dargestellt. Kunst und Kultur haben eine lange Geschichte in der Stadt, doch für die Künstler selbst ist das (Über-)leben mit der Kunst nahezu unmöglich. “Als Künstlerin habe ich es in Köln nicht leicht. Mir fehlen Räume, um mich zu entfalten und mich mit anderen Künstler auszutauschen, damit wir gemeinsam Kunst schaffen. Damals haben wir aus alten Fabrikgeländen neue Künstlerräume geschaffen. Doch dies wurde untersagt und uns wurde der Raum genommen.” Reichert erinnert sich an die ehemalige Schokoladenfabrik Stollwerck. Nachdem die Firma Stollwerck auf die rechte Rheinseite umzog, wurde das alte Fabrikgebäude in den 1980ern zu einem Treffpunkt für Punks, Kreative und Künstler. Gemeinsam gestalteten sie die Wände der Fabrik, führten Tanzperformances auf und organisierten Ausstellungen. “Dann hat die Stadt uns das kaputt gemacht!” Die Räume für freie Kunst mussten Wohnsiedlungen weichen. “Dass neue Wohnungen für Menschen geschaffen werden, finde ich gut und unterstütze ich sehr. Doch wo bleibt noch Raum für uns Künstler?”

Leben von der Hand in den Mund

Heidi Reichert knüpfte sich mit der Zeit ein immer größeres Netzwerk mit anderen Künstler*innen. Ihren Lebensgefährten – ein Musiker aus Köln – führte sie in die Musikszene ein. “Musik, Bewegung und Kunst gehören für mich zusammen.“ Geimeinsam hielt sich das Paar mit Nebenjobs und kleinen Gagen über Wasser. “Wir hatten eine wilde Künstlerehe, wir haben von den Hand in den Mund gelebt. Das Geld war oft knapp, aber es war eine tolle Zeit.” Bald wurde die Künstlerin schwanger. Kurz nach der Geburt reiste die junge Familie gemeinsam nach Italien. Auf Rat eines Arztes sollte Reichert ihrer kleinen Tochter etwas Persönliches, Heimisches mitgeben, sodass sie sich wohlfühlen und akklimatisieren kann. Das Ergebnis war ihr erstes Mobile. “Das Mobile war für uns alle etwas ganz Besonderes, es verkörperte Wärme und bewegte sich sanft über dem Bett meiner Tochter”. Statt teurer Leinwände greift sie auf gefundenes Material zurück. “Ich war oft beim Sperrmüll und habe dort nach Material gesucht, dies war umsonst und ich konnte es neu verwerten”, erklärt die Künstlerin. Gearbeitet hat sie in der Werkstatt eines Bekannten, sie durfte die Maschinen nutzen und ihre Kunstwerke bauen. “Ich hatte so ein Glück, dass ich so viele Bekannte hatte, die mich unterstützten. Ohne sie hätte ich meine Kunst nicht so gut umsetzen können. Räume in Köln zum Arbeiten zu mieten, ist unbezahlbar.” Heute hat Reichert ein Netzwerk von Künstlern, die sich regelmäßig in einem Stammtisch treffen und über Kunst und neue Ideen sprechen.

Vorfreude auf neue Projekte

Reichert steht auf, sie will mir ihr Atelier zeigen. Diesmal gehen wir eine Etage höher und besuchen ihr Atelier. Es ist gemütlich, chaotisch und voller Leben. Auf dem Boden liegen Zeichnungen, der Tisch ist voll mit angefangen, noch unvollendeten Werken. “Ich habe viele neue Ideen.” Reichert holt einen Nylonstoff. Daraus möchte sie eine Art Drachen bauen, der auf einem Floß – bestehend aus Plastikflaschen – installiert ist.  “Ich möchte auch ein Zeichen gegen den Klimawandel setzen. Ich möchte aus Müll Kunst schaffen. Die Flaschen kaufe ich nicht, ich werde sie sammeln.” Reichert plant, im Frühling das Floß fertig zu bauen und es auf dem Aachener Weiher gemeinsam mit Unterstützung ihres Künstlernetzwerkes aufsteigen zu lassen. “Dies ist erst der Anfang. Mit Plastikmüll sehe ich ein neues großes Thema. Ich möchte mich für die Umwelt einsetzen und es in meiner Kunst zum Ausdruck bringen.”  Mit diesem neuen Projekt knüpft Reichert an ihr altes Konzept an – alte Materialien neu zu verwerten. Sie schafft es wieder aus Kostenlosen und bereits Benutzen neue Kunst zu gestalten und damit ihr Publikum zu begeistern.

Wie Reichert ihre Zeichnung auf das Nylonmaterial projiziert, sehen Sie im Video.

Künstlerin Heidi Reichert in ihrem Atelier

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